Als Nicole Werner mir von Ihrer Idee, eine Blogparade zu machen, die Projekte vorstellt, die die Welt ein bisschen besser machen, musste ich sofort an Georg Schorn und seinen Verein Bon Secours Kamerun e.V. denken, den ich euch hier vorstellen will.

Seit 2010 engagiert sich Georg mit seinem Verein Bon Secours Kamerun e.V. im Herzen Kameruns, einem Land, in dem die gesundheitliche Grundversorgung sehr eingeschränkt ist.

Gegründet mit der Mission, das Krankenhaus Clinique du Bon Secours in Yaoundé wiederzubeleben, hat der Verein seine Aktivitäten inzwischen auf weitere Krankenhäuser im Land ausgeweitet.

Seither sind die Aufgaben des Vereins weiter gewachsen und neue Bereiche sind dazugekommen.

Gemeinsam mit Partnern in Kamerun und Europa hat der Verein mittlerweile ein Netzwerk geschaffen, das sich auf Sachspenden, Transporte, Fort- und Weiterbildungen und Organisationsentwicklung fokussiert.

Bon Secours Kamerun e.V. sorgt nicht mehr nur für messbare Veränderungen im Gesundheitswesen von Kamerun, er unterstützt zusätzlich vor dem Bürgerkrieg geflüchteten Familien. Dabei wird zum einen den Kindern Zugang zu Bildung ermöglicht und zum anderen auch die Familien medizinisch und psychologisch betreut.

Bon Secours Kamerun e.V. verändert echt das Leben der Menschen vor Ort. Die Menschen bekommen nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch Hoffnung auf ein besseres und würdevolleres Leben.

Nach dieser kurzen Einführung in die beeindruckende Arbeit von Bon Secours Kamerun e.V. freue ich mich besonders, nun Georg zu sprechen, den 1. Vorsitzenden des Vereins.

Georg und ich kennen uns schon seit der Zeit, als unsere Kinder noch im Kindergarten waren – also eine Ewigkeit.

Sein Engagement und das seiner Familie und seine Vision haben maßgeblich dazu beigetragen, dass der Verein so wirkungsvoll handeln kann.

Heute haben wir die Gelegenheit, tiefer in die Motivation, Herausforderungen und Erfolge dieser wichtigen Initiative einzutauchen.

Georg, herzlich willkommen und danke, dass Du Dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst.

Magst Du nochmal die Kernfragen bzw. die Kernprobleme, die Bon Secours Kamerun e.V. lösen möchte, zusammenfassen?

Die Herausforderungen, die wir bei Bon Secours Kamerun e.V. in Angriff nehmen, sind vielschichtig.

Das Hauptaugenmerk liegt auf der Verbesserung der medizinischen Ausbildung der Ärzte vor Ort.

In Kamerun fehlt es oft an Fachwissen in verschiedenen medizinischen Bereichen, was die Qualität der medizinischen Versorgung beeinträchtigt.

Hinzu kommt das Problem der Verfügbarkeit medizinischer Geräte. Man könnte denken, das Problem wäre einfach das Fehlen der Geräte, aber nein, es geht tiefer.

Wenn die Geräte da sind, muss das Personal auch wissen, wie man sie effektiv nutzt.

Zudem arbeiten wir auch an der Erreichbarkeit von medizinischer Versorgung. In einigen Landstrichen müssen Patient*innen bis zu 100 Kilometer reisen, um ein Krankenhaus zu erreichen.

Das ist der Stand der Dinge, und das ist, was wir ändern wollen.

Was ist der Funke, der Bon Secours Kamerun e.V. zum Leben erweckt hat?

Ich befand mich gerade in einer Phase der Umorientierung nach einem Burnout, als eines Tages das Telefon klingelte.

Dr. René Essomba war dran und sagte: „Herr Schorn, ich will ein Krankenhaus in Kamerun eröffnen und brauche alles Mögliche. Haben Sie nicht irgendwas, was Sie nicht mehr brauchen?“

Georg führte zu diesem Zeitpunkt eine Firma, die mit Medizinprodukten handelte. Zu seinen Kunden gehörte auch das Krankenhaus, indem Dr. René Essomba als Oberarzt tätig war.

Ich kannte das schon. Immer wieder hatte ich Anfragen von Leuten, die mit halbgaren Plänen auf mich zu kamen.

Aber bei Dr. Essomba war es anders. Das, was er vorhatte und wir er es vorhatte fühlte sich nicht wie ein halbgares Projekt an. Bei ihm und wie er erzählte hatte ich das Gefühl, das kann was werden.

Er hatte die Expertise und Kamerun den Bedarf. Ich dachte, jetzt ist der richtige Zeitpunkt zum Handeln.

Das war der Funke, der alles ins Rollen brachte. So wurde Bon Secours Kamerun e.V. ins Leben gerufen.

In Georgs Fall wurde eine Phase der Unsicherheit und Umorientierung zur Initialzündung für großes Engagement.

Wie das Leben doch manchmal greift – eine zufällige Begegnung, eine gezielte Frage zum richtigen Zeitpunkt…

Georgs Entscheidung, sich einzubringen, stellt nicht nur für ihn, sondern auch für zahlreiche Menschen in Kamerun, einen Wendepunkt dar.

Manchmal ist der Funke, der benötigt wird, ein mutiger Schritt, ein offenes Ohr und die Bereitschaft, sich in etwas Größeres einzubringen.

Jedes kleines Eckchen wird ausgenutzt, um möglichst viel in den Container für Kamerun

Was sind die größten Herausforderungen im Bereich der Logistik, etwa beim Zoll?

Zollabfertigung in Kamerun? Dabei haben wir jede Menge Lehrgeld gezahlt. Besonders der Zoll in Kamerun hat uns viele graue Haare beschert.

Kamerun rangiert leider auf der Liste der korruptesten Länder der Welt ziemlich weit oben. Daher war es lange Zeit ein echtes Abenteuer, unsere Container durch die Zollabfertigung zu bekommen und so ein Container konnte alles in allem schon mal 27.000 Euro Kosten.

Bevor das Gesetz von 2023 eingeführt wurde, war es wie ein Glücksspiel, ob unser Container heil durchkommen und wie teuer es werden würde.

Aber meine schlimmste Erfahrung war die mit unserem ersten Container. Da hatten wir halt auch noch gar keine Erfahrung.

Wir hatten 3.000 Euro für die Zollabfertigung bezahlt, und der beauftragte junge Mann hat sich mit dem Geld einfach aus dem Staub gemacht.

Wochenlang lag der Container im Hafen, die Kosten stiegen und stiegen.

Wir hatten Glück im Unglück. Unser Partner vor Ort hat mit viel persönlichem Einsatz und weiteren Kosten von mehreren tausend Euro den Container doch noch durch den Zoll gebracht.

Zwei Tage, bevor die Frist für die Einfuhr abgelaufen war. Dann wäre der Container mit all seinen Gütern weg gewesen.

Dank der Gesetzesänderung im Jahr 2023 hat sich aber einiges getan. Jetzt ist es so, dass humanitäre Organisationen ihre Lieferungen zollfrei nach Kamerun bringen können.

Unser Partnerverein „Hope&Life Cameroon“ musste sich beim Finanzministerium registrieren und alles offenlegen, aber, die Transportkosten sind deutlich gesunken!

Von den absurden Summen früher zu jetzt 5.000-6.000 Euro Zollgebühren.

Und das Beste: Die Container kommen schneller durch den Zoll, innerhalb einer Woche oder höchstens 10 Tagen. Das senkt die Kosten nochmals, so dass wir jetzt von 15000 bis 17.000 € pro Container reden. Und das ist für uns eine riesige Erleichterung! Schließlich wird alles über Spenden finanziert.

Wie hat sich die Qualität der medizinischen Versorgung seit Bon Secours Kamerun e.V.  aktiv ist verändert?

Oh, da gibt es viel zu erzählen!

Nehmen wir den Bereich der Unfallchirurgie als Beispiel. Die Versorgung von Polytrauma, also Fällen mit mehreren Verletzungen, hat sich stark verbessert.

Früher wurde ein Oberschenkelbruch vielleicht mit einem Küntscher-Nagel behandelt, einer Methode, die heute als veraltet gilt, die in Kamerun aber immer noch gelehrt wird.

Jetzt, nachdem unsere Ärzte aus Deutschland vor Ort Schulungen durchgeführt haben, gibt es bessere, modernere Behandlungsmethoden.

Wir haben einen konkreten Fall, bei dem der Nagel entfernt und durch moderne Verfahren ersetzt wurde.

Das Ergebnis? Der Patient hat eine deutlich bessere Chance, ohne langfristige Schäden zu leben.

Also ja, die Qualität hat sich definitiv verbessert, und wir arbeiten stetig daran, dass das so bleibt.

Welche Erfolgsgeschichte hat Dich persönlich am meisten berührt?

Wenn mich eine Geschichte wirklich Mitten ins Herz getroffen hat, dann ist es die von Joyce, einem jungen Mädchen aus dem anglophonen Teil Kameruns.

Sie kam 2020 zu uns, als wir ihre Familie bei der Flüchtlingshilfe unterstützten, deren Hauptaufgabe es ist, den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen.

Joyce hatte auf der Flucht einen Beinschuss erlitten, der nicht versorgt worden war. Und auch über ein Jahr später, als wir sie trafen, war die Wunde nie richtig behandelt worden. Das hatte schwerwiegende Folgen.

Die Wunde hatte sich infiziert und hatte irgendwann dann auch den Knochen in Mitleidenschaft gezogen.

Nach einer ersten ärztlichen Untersuchung stellte sich heraus, dass eine Operation unumgänglich war.

Um die weitere Behandlung zu ermöglichen, kam Joyce in eine Gastfamilie, in der sie von einer deutschen Krankenschwester weiter betreut wurde.

Es ist in Kamerun durchaus üblich, wenn die biologischen Eltern nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu versorgen, dass diese dann z.B. zu Verwandten gehen, damit die diese Aufgabe übernehmen.

Die erste Operation war leider nicht das Ende der Geschichte. Joyce benötigte eine zweite Operation und spezielles Verbandsmaterial, um die Wunde endlich schließen zu können. Und selbst danach bestand immer noch die Gefahr, ihr Bein amputieren zu müssen.

Zum Glück haben weitere Untersuchungen und Behandlungen nun bessere Aussichten eröffnet: Joyce wird im November 2023 erneut operiert, und wir sind zuversichtlich, dass sie ihr Bein behalten kann.

In Zusammenarbeit mit einem Sanitätshaus wird ihr eine Beinschiene angefertigt und weitere physiotherapeutische Maßnahmen sind geplant.

Die Geschichte von Joyce hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie fragil das Leben in einem Land wie Kamerun sein kann. Etwas, das in Deutschland nur eine kleine Beeinträchtigung wäre, kann hier das ganze Leben auf den Kopf stellen.

Aber es zeigt auch, wie viel ein bisschen Hilfe bewirken kann. Joyce hat jetzt die Chance auf ein besseres Leben, und das ist es, was unsere Arbeit so unglaublich wertvoll macht.

Auch mich berührt die Geschichte von Joyce.

Sie zeigt, wie stark das Leben von Zufällen geprägt ist. Während bei uns in Deutschland eine Fleischwunde eher als „kleines Übel“ betrachtet und in der Regel prompt behandelt wird, kann es in anderen Teilen der Welt das gesamte Leben aus der Bahn werfen.

Das sollte uns Dankbarkeit für das, was wir haben, und Verantwortung für die, die weniger haben, lehren.

Das erschütternde an Joyce‘ Situation war nicht nur die Verletzung an sich, sondern die dramatische Verschlechterung ihrer Situation durch fehlende Versorgung. Ein Jahr unbehandelt – unglaublich.

Ihre Geschichte demonstriert eindrucksvoll, wie wichtig Hilfe und Engagement sind, sei es von Einzelnen oder Organisationen. Manchmal ist das, was wie ein Tropfen auf dem heißen Stein erscheint, der rettende Regenschauer für ein Menschenleben.

Es bleibt zu hoffen, dass Joyce‘ Bein gerettet werden kann und sie somit eine realistische Chance auf ein „normaleres“ Leben bekommt. Denn wie vorher wird es nicht mehr.

Manchmal ist der Unterschied zwischen einem erfüllten und einem verzweifelten Leben nur eine rechtzeitige medizinische Versorgung – oder die ausbleibende.

Wie schön wäre es, wenn solche Geschichten wie die von Joyce weniger werden würden…

Gab es emotionale Höhen und Tiefen im Projekt, und wie seid ihr damit umgegangen?

Die Arbeit mit Partnern aus Kamerun ist immer emotional, weil uns bei der Arbeit immer wieder vor Augen geführt wird, wie groß die Unterschiede zwischen Europa und Afrika sind und wie gut es uns im Vergleich zu den Afrikanern geht.

Dadurch, dass wir die Schicksale von vielen Menschen ganz hautnah miterleben und auch erleben, dass Menschenleben aufgrund der Tatsache, dass wir gemeinsam mit Ärzten, die in unserem Projekt mitarbeiten, gerettet werden, macht das ganze Projekt emotional.

Dazu gehören natürlich auch emotionale Rückschläge, wenn Patienten trotz Behandlung sterben, Säuglinge wegen fehlender Geräte die Geburt nicht überleben oder Projekte nicht so umgesetzt werden können, wie wir uns dies wünschen würden.

Was ist der bisher größte „Wow-Moment“ im Projekt?

Es gibt keinen größten Wow-Moment. Wenn ich mir aber in einer ruhigen Minute überlege, was wir in den letzten Jahren geschafft haben:

  • Wir haben Strukturen geschaffen, die es uns ermöglichen, jährlich 3-4 Sachspendentransporte nach Kamerun zu schicken.
  • Wir unterstützen viele andere Organisationen, indem wir ihr Material mit nach Kamerun transportieren und ihnen so ihre Arbeit erst möglich machen
  • Wir haben ein Netzwerk aufgebaut mit Hilfsorganisationen aus ganz Europa, die sich dank unserer Hilfe miteinander austauschen und teilweise sogar gemeinsame Projekte durchführen.

Wenn ich mir das vor Augen halte, sage ich schon: Wow, darauf können wir stolz sein.

Was verbirgt sich eigentlich hinter dem MNC „Medical Network Cameroon“?

Das ist das Netzwerk, von dem ich eben gesprochen habe. Es ist eine Plattform, die wir aufgebaut haben, die allen Partnern in Europa und Kamerun die Möglichkeit bietet, sich auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und auch gemeinsame Projekte durchzuführen.

Auch die Partner in Kamerun haben hier die Möglichkeiten des Austauschs und der Kooperation miteinander.

Was sind die nächsten Meilensteine für Bon Secours Kamerun e.V., und wie können Menschen helfen?

Wir planen gemeinsam mit unserem Partnerverein „Hope&Life Cameroon“ den Ausbau des Medical-Centers in Bekoko.

Dieses Medical-Center wurde vor mittlerweile 4 Jahren von Hope&Life in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Verein „KamerunGo“ und uns gebaut und in Betrieb genommen.

Es liegt in Bekoko, einem Vorort von Douala, in dem vor allem Menschen leben, die nicht viel Geld haben. Es gab bis dahin in dieser Region überhaupt keine medizinische Einrichtung.

Wir möchten dieses Medical-Center erweitern und einen Operations-Saal, sowie eine Gynäkologische Station mit Geburtshilfe anbauen.

Dort sollen dann Deutsche Ärzte regelmäßig arbeiten und Fortbildungen für die einheimischen Ärzte durchführen.

Außerdem planen wir gemeinsam mit Hope&Life den Bau einer Bibliothek für Kinder und Jugendliche in Bekoko. Dort sollen die Kinder auch die Möglichkeit haben, Hausaufgaben zu machen und Nachhilfe-Unterricht zu bekommen.

Für dieses Projekt haben wir bereits eine erfahrene Lehrerin gefunden, die das Projekt leiten soll.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft für Bon Secours Kamerun e.V?

Ich wünsche mir, dass wir die Strukturen, die wir aufgebaut haben, weiter ausbauen können. Dafür benötigen wir aber auf jeden Fall tatkräftige Unterstützung, vor allem hier in Deutschland.

Leute, die Lust haben, etwas von ihrer Zeit zu opfern, um Menschen in Afrika dabei zu unterstützen, ihr Land und ihre eigene Situation nachhaltig zu verbessern.

Egal, ob es um den Bereich Social Media, Projektbegleitung, Logistik oder das Einbringen von neuen Ideen betrifft, Jeder, der Lust hat, ist bei uns willkommen.

Wenn Du noch Fragen an Georg und seinen Verein hast, hinterlass sie mir in den Kommentaren.

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